Anselm Kiefer
Anselm Kiefer

Die „Johannis-Nacht“ entsteht, als Anselm Kiefer 1990 für sein künstlerisches Werk den renommierten Goslarer Kaiserring erhält. Der Künstler gestaltet sie in einem ehemaligen Stall und drei Kellergewölben des mittelalterlichen Museumskomplexes. Es ist die erste dauerhafte Installation Kiefers in einem Museum außerhalb seines Ateliers und eine Arbeit, welcher der Künstler bis heute eine hohe Bedeutung in seinem Schaffen zumisst. Im Zuge der Sanierung des Mönchehaus Museums wurde auch die Installation neu zugänglich.

Sie wird von einer Ausstellung begleitet, deren Werke einzelne Motive der Installation näher be-leuchten. Ein Katalog dokumentiert die „Johannis-Nacht“ in eindrucksvollen Bildern, während ein Essay von Aeneas Bastian dieses Schlüsselwerk von Anselm Kiefer dem Leser in einfühlsamer Weise erschließt. Die Wiedereröffnung des Museums mit Werken des weltbekannten Künstlers ist für das Haus eine Ehre, für die es dem Künstler sehr herzlich dankt.

Anselm Kiefer, 1945 in Donaueschingen geboren, gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart. In seinen frühen Werken setzt er sich mit der deutschen Geschichte auseinander. Seine dabei entstehenden Fotografien und Gemälde führen zu erregten Kontro-versen.

Mitte der 1980er Jahre löst sich sein Blick von der Fokussierung auf Themen der deutschen Geschichte. Die Beschäftigung mit alchemistischen Traditionen, jüdischer Mystik und den Mythen der Antike fließt verstärkt in sein Werk ein. Exemplarisch dafür steht die „Johannis-Nacht“, die an ein Datum erinnert, das im Christentum wie im Volksglauben gleichermaßen verankert ist.

Auch ist kein Zufall, dass Kiefer seine Installation in den historischen Kellerräumen des Mön-chehaus Museums untergebracht hat. Höhlen und Keller sind ein durchgängiges Bildmotiv im Kieferschen Œuvre und bieten Raum für ambivalente Deutungen. Zum einen spiegeln sie das Abgründige und Irrationale menschlicher Existenz, zum anderen gewähren sie aber auch Schutz und Sicherheit.

Die „Johannis-Nacht“ verbindet Motive, Ideen und Referenzen, die bis heute in Kiefers Werk eine Rolle spielen. Im Erdgeschoss sehen wir ein Jagdflugzeug aus Blei, das weiße Puppenkleider und Puppenhemdchen hinter sich herzieht. Der Künstler hat ihm den Namen Jason gegeben, des griechischen Helden, der durch List und Tücke das goldene Vlies an sich bringt. Sein Scheitern scheint auf im Blei des zum Fliegen gänzlich ungeeigneten Flugzeuges.

Die Installation erinnert aber auch an Lilith, die erste Frau Adams, die in der jüdischen Kabbala als Antagonistin zu Eva auftritt. Sie ist die Frau, die sich dem Willen ihres Mannes und der Götter nicht beugen will und zur Strafe Dämonen gebiert. Ihre Existenz zeugt vom emanzipatorischen Geist, aber auch vom Bösen in der Welt. Dessen Entstehen wird in der jüdischen Kabbala durch das Zerbrechen der Gefäße erklärt, in denen Gott sich einst in die Welt verströmte. Da sie zu schwach waren für die Emanation seiner Energie, verband sich ein Teil seiner Kraft mit dem weltlichen Übel zum Bösen.

Als Gott sich aus der Welt zurückzog, hinterließ er dem Menschen daher eine gebrochene, nach Heilung verlangende Schöpfung. Anselm Kiefer verweist in der Installation wiederholt auf diese Zusammenhänge. Die zerbrochene Palette des Malers im letzten Raum scheint ein Symbol dafür zu sein.

Abbildung ist bei Kiefer daher immer auch metaphorisch und will in ihren vielfältigen Referenzen und Ambivalenzen begriffen werden. Der erstarrte Bleifluss im zweiten Kellerraum lässt sich als die göttliche Emanation aus dem kabbalistischen Schöpfungsmythos deuten. Die weißen Kinderkleidchen lassen uns zugleich an die Kinderleichen denken, durch die Medea den treulosen Jason strafte.

Kiefers mythologische Erkundungen im kulturellen Gedächtnis der Menschheit bleiben nie nur in der Vergangenheit stehen, sondern berühren uns auch in der Gegenwart. Die Arbeiten im Museum, welche die Öffnung der neu zugänglichen Installation begleiten, machen das deutlich. Wenn sie sich auf einzelne Motive des Werks wie auf das „Geheimnis der Farne“ konzentrieren, gehen sie uns wie die ganze „Johannis-Nacht“ auch heute noch unmittelbar an (Michael Stoeber).

Fotos: Uwe Walter; © VG Bild-Kunst, Bonn 2014; Anselm Kiefer "Johannisnacht" (1990), Rauminstallation

Die Ausstellung kann bis zum 28. September besichtigt werden.

Kontakt & Information

Mönchehaus Museum Goslar
Mönchestraße 1, 38640 Goslar
Tel. 05321-4948
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Internet: www.moenchehaus.de