Goslarer Straßennamenkatalog - Max-Ernst-Weg


Max-Ernst-Weg

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Der Max-Ernst-Weg liegt im Westen des Stadtteils Ohlhof und zweigt vom Konrad-Adenauer-Ring ab. Seine Straßenführung ist schon als außergewöhnlich zu bezeichnen. Nach Passieren der ersten 4 Häuser erreicht man schon den Wendeplatz. Dort überraschen die Häuser mit der Nummer 26 bis 28 und eine große zweireihige Garagenanlage, direkt neben dem Haus Nummer 17. Nachdem man sich auf die Suche nach den „verschollenen“ Gebäuden gemacht hat, stellt man fest, dass dieser Weg – einer kleinen Enklave gleich – das ganze Viertel zwischen Ohlhofbreite und Konrad-Adenauer-Ring einnimmt. In den verschiedenen Seitenwegen, die von der Wendeplatte abgehen unterscheidet sich die Bebauung gravierend.

Die hinter der Garagenanlage liegenden Bungalows mit Hausnummer 16, 18 bis 21 bilden einen langen weißen Klinkertrakt im Reihenhausstil, der ebenfalls an einer separaten, in der Mitte mit einem Bäumchen bepflanzten Wendeplatte endet. In dem parallel zur Ohlhofbreite liegenden Seitenarm überraschen die Häuser Nummer 5 bis 11 mit einer futuristischen Dachkonstruktion. Die Reihenhäuser wechseln scheinbar zwischen ein- und zweigeschossiger Bauweise. Über dem Eingangsbereich zieht sich die Dachfläche steil bis über die Haustür und erst auf der Rückseite ist erkennbar, dass es sich um einen großen Mansardenraum handeln muss. Hier ist dieser Gebäudeteil zweigeschossig und mit Fenstern versehen. Der eingeschossige Gebäudeteil ist auf der Rückseite zweigeschossig und der andere Teil genau umgekehrt. Diese architektonische Rarität ist im ganzen Stadtteil nicht mehr zu finden und dadurch einen Sonntagsspaziergang wert. Die Garagen zu diesem Bereich findet man über einen Fußweg am Konrad-Adenauer-Ring. Die Häuser mit der Hausnummer 22 – 25 befinden sich an dem Fußweg, der zum Cranachweg führt, paarweise versteckt in zwei gesonderten Seitenwegen. Spätestens jetzt kann man nur hoffen, dass einem neuen Postzusteller ein detaillierter Plan des Max-Ernst-Weges mit auf den Weg gegeben wird, sonst wird er hier seinen Lebensabend verbringen müssen. :-)

Max Ernst, nach dem man den Weg 1979 benannte, wurde am 2.4.1891 in Brühl bei Köln als drittes von insgesamt 9 Kindern des Taubstummenlehrers Philipp Ernst und seiner Frau Luise geboren. Der Vater erteilte ihm später Malunterricht. Von 1909 bis 1914 studierte er Altphilologie, Psychologie, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität in Bonn und betätigte sich in seinem Leben als Maler, Zeichner, Bildhauer, Dichter, Schauspieler und vieles mehr. Als einer der wichtigsten Vertreter des Surrealismus und Dadaismus wendete er sich konsequent neuen Maltechniken zu und erfand die Frottage (Durchreibeverfahren) und Grattage (Abkratzverfahren). Nach Ausbruch des I. Weltkrieges meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und wurde 1918 gegen seinen Willen zum Leutnant befördert. 1918 nach Köln zurückgekehrt, heiratete er Luise Strauß, die ihm einen Sohn gebar. 1919 gründete er mit dem Maler Hans Arp, mit den ihn eine lebenslange Freundschaft verband, die Kölner Dada-Gruppe „Zentrale W/3“ und in Düsseldorf entstand die Künstlervereinigung „Das Junge Rheinland“, in der er Mitglied wurde. In der Folgezeit entstanden zahlreiche Collagen. 1926 ließ sich Ernst scheiden und heiratete 1 Jahr später Marie-Berthe Aurenche. Diese Ehe hielt nur 9 Jahre. 1937 lernte er auf einem Diner die 26 Jahre jüngere Leonora Carrington kennen. Es war Liebe auf den 1. Blick.

Gegen alle Widrigkeiten zog er mit seiner Geliebten aufs Land nach St.-Martin-d’Archèche auf einen Bauernhof. In dem 300-Seelen-Ort sorgten die beiden, „D’Anglaise“ und „Le Max“ für Furore, indem sie tagsüber splitternackt zum Fluss spazierten, die Badeanzüge auf dem Kopf und abends ließen sie sich in der Dorfkneipe volllaufen. Er nannte sie liebevoll seine „Windsbraut“ und sie ihn „Loplop, Oberster der Vögel“, ein beflügeltes Fabeltier mit einem Seestern als Geschlecht.

Während Handwerker aus dem Dorf die nötigsten Reparaturen an dem Bauernhaus verrichteten, brachte Max Ernst phantastische Reliefs an den Hauswänden an und bevölkerte den Garten mit Fabelwesen, während Leonora Türen und Innenwände mit Geistern bemalte. Sie arbeiteten auch gemeinsam, zeichneten und schrieben. Leider blieb dem Paar nur knapp ein Jahr für ihre Arbeit und Liebe. Nur „ein wenig Ruhe“ lautet der Titel des Hauptwerkes von Max Ernst aus dieser Zeit. Er wurde als „feindlicher Ausländer“ verhaftet und in das berüchtigte Internierungslager Les Milles verbracht. Leonora brach psychisch zusammen, floh nach Spanien und wurde auf Betreiben ihres Millionärsvaters in die Psychiatrie eingewiesen. Max Ernst konnte zweimal aus dem Lager entfliehen und gelangte das 2. Mal über Spanien in die USA, wohin es auch seine Geliebte verschlagen hatte. Sie haben sich aber nie mehr wiedergesehen.

Das Haus in St. Martin müsste heute ein Wallfahrtsort aller Kunstliebhaber sein. Um ihre gemeinsamen Schulden, hauptsächlich in der Dorfschenke, bezahlen zu können, überschrieb es Leonora Carrington an eine Gastwirtin. Nach dem Krieg in einer Mischung zwischen „Banausentum“ und „Gier“ wurde es fast vollständig zurückgebaut. Beim Abbau der Skulpturen zerstörte und zerbrach man sie. Dubiose Bronzeabgüsse von ihnen tauchten – nicht legitimiert – in Pariser Galerien auf. Nur die Skulpturen von der Straßenfront, Die Windsbraut und Der Loplop, wurden inzwischen unter Denkmalschutz gestellt und restauriert. Leider ist der alte Charme dahin.

1941 heiratete Ernst die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim und ließ sich zwei Jahre später scheiden. 1946 heira-tete er zum 4. Mal und zwar die Malerin Dorothea Tanning, ließ sich in Arizona nieder und erhielt 1948 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1953 nach Paris zurückgekehrt, erhielt er 1958 die französische Staatsbürgerschaft. 1964 bekam Max Ernst die Ehrenprofessur des Landes Nordrhein-Westfalen, 1966 wurde er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt, 1970 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn und 1976 wurde er 2. Träger des Kaiserringes, des „Kulturpreises der Stadt Goslar“. Die Ehrenbürgerschaft der Stadt Brühl 1966 lehnte er ab.

Quellen:

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Katalog für Goslar, Rammelsberg, Steinberg, Georgenberg, Sudmerberg und Ohlhof

Der Katalog ist das Ergebnis eines Projektes der Oskar-Kämmer-Schule in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Jobcenter, das von der Stadt Goslar, der GMG, der Stadtbus Goslar GmbH und dem Heimatforscher Hans-Günther Griep unterstützt wurde. Ein Team aus 13 Projektteilnehmern hat sich mit der Historie und Namensgebung der Goslarer Straßen beschäftigt und erfasste Straßennamen, fotografierte Straßen, recherchierte bei Bedarf im Stadtarchiv und befragte Zeitzeugen.

Auch wenn das Projektteam stets einen hohen Qualitätsstandard vor Augen hatte, so erhebt dieser Katalog nicht den Anspruch, den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens zu genügen. Auch können Fehler inhaltlicher oder sonstiger Art leider nicht ausgeschlossen werden. Hierfür bitten wir um Verständnis.