Jede Kommune braucht ihr eigenes Konzept

Oberbürgermeister von Essen und Leipzig diskutierten bei „Der Berg ruft“

Goslar. Was macht eine Kommune erfolgreich? Woran liegt es, dass sich die einen prächtig entwickeln, während die anderen auf der Stelle treten oder sogar Rückschritte verkraften müssen? Diese Frage diskutierten die Oberbürgermeister der Städte Leipzig und Essen, Burkhard Jung und Thomas Kufen, bei der 5. Ausgabe der Dialogplattform „Der Berg ruft – Zukunft fördern“ in der Waschkaue des Goslarer Rammelsberges. „Repräsentanten der Ungleichheit“ lautete das Thema des Abends.

Die bewusst provozierende Einleitung von Moderator Andreas Rietschel, Essen sei hoch verschuldet, konterte Thomas Kufen mit Humor: „Wir sind das Griechenland Deutschlands – wir wollen auch den Schuldenschnitt.“ Ja, Essen habe Schulden, aber man registriere vermehrt Zuzug und mehr Geburten. Seine Stadt sei wandlungsfähig, erklärte Essens Oberbürgermeister und zitierte Gustav Heinemann: „Wenn man sich nicht verändert, wird man am Ende auch das verlieren, was man behalten wollte“ – und einen T-Shirt-Aufdruck: „Woanders is‘ auch scheisse!“

„Nichtstun ist keine Alternative“, stimmte Burkhard Jung seinem Mitdiskutanten zu. In den 90ern sah es um Leipzig noch düster aus, wie Burkhard Jung berichtete. Dann siedelten sich Porsche, BMW und DHL an und die Arbeitslosigkeit sank rapide. Die Stadt nahm bewusst Wohnungen vom Markt, baute die Infrastruktur zurück und gewann so neue Einwohner. Durch die Schrumpfung wurden Räume frei, z.B. Industriebrachen. „Jungen Menschen Räume geben unter dem Stichwort Leipziger Freiheit – das war meines Erachtens die Lösung.“ Keine aber für Essen. „Wenn man die Räume nicht hat, hat man sie nicht“, stellte Kufen fest.

Heute spricht Burkhard Jung von „Wachstumsschmerz“ in der Stadt. Natürliches Wachstum aus der Stadt heraus und dazu Zuzug von außen – „ganz ehrlich: Es ist mir zu viel“, so Leipzigs Stadtchef. In den nächsten Jahren habe die Stadt allein 70 neue Schulen zu bauen. „Drei Prozent Wachstum sind für eine europäische Stadt mit unseren Standards eine echte Herausforderung.“ Jung ist überzeugt: Das öffentliche Personennahverkehr ist der einzige Weg, um zwischen Wachstumsschmerz im Ballungsraum und dem ländlichen Raum auszugleichen. Wo die S-Bahn-Verbindung funktioniere, gebe es Wachstum. In diesem Zusammenhang plädierte Thomas Kufen für Kooperationen. Es gebe 27 Verkehrsgesellschaften im Großraum Essen. 27 Vorstände, 27 Sekretärinnen... „Wahnsinn, was wir uns leisten.“ Insgesamt punktete der Mann aus Essen mit markigen Sprüchen, etwa zur finanziellen Unterstützung durch den Bund: „Plötzlich gibt es Brei aus Berlin und die Kommunen haben gar keinen Löffel mehr, weil sie den verscherbeln mussten.“

Seine Rezept für eine gute Entwicklung: „Man muss eigene Wege finden“, so Essens Oberbürgermeister. „Nicht kopieren, sondern etwas, das glaubwürdig ist.“ Von Unternehmensberatungen halte er nicht viel. Ein solcher Berater hatte der Stadt vor Jahren mal den Werbespruch vorgeschlagen: „Essen. Grau, aber immerhin.“ Ein weiteres Beispiel: „Wenn schon Regen, dann Wuppertal.“ Dagegen konnte sein Leipziger Kollege mit einem T-Shirt-Spruch aufwarten, den junge Menschen mit Stolz auf der Brust tragen – frei nach Loriot: „Ein Leben außerhalb von Leipzig ist möglich, aber sinnlos.“ So ein Lokalkolorit, so ein Stolz mache viel aus. Das hatte schon Goslars Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk vorab festgestellt; das Image einer Stadt sei immens wichtig. „Leipzig ist sexy.“

In seiner Region sei man dagegen Weltmeister im Schlechtmachen, sagte Thomas Kufen und nannte damit eine Parallele zum Harz. Dass Essen den Titel der Kulturhauptstadt ergattert habe, habe das Selbstbewusstsein hingegen unheimlich gestärkt. Kultur ist seiner Ansicht nach nichts Abgehobenes, sondern bringe die Menschen zusammen. „Ich bin der Meinung, dass man damit Stadtmarketing machen kann“, pflichtete Burkhard Jung bei. Das müsse man nutzen, um den Menschen eine Corporate Identity zu geben.

„Goslar ist als Mittelzentrum wichtig und wird wachsen“, prognostizierte Leipzigs Hauptverwaltungsbeamter in seinem Schlusswort. Das könne es aber nur in Zusammenarbeit und im Miteinander der großen und kleinen Gemeinden. „Ich glaube, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Harz ist unglaublich wichtig“, lobte er indirekt die Initiative EIN HARZ. Der Tipp von Thomas Kufen für Goslar lautete: „Auf eigene Stärken besinnen – und die sind ja da.“

Hintergrund:
Auf Einladung von Kai Schürholt, Geschäftsführer der Cellerar GmbH, Gerhard Lenz, Geschäftsführer Weltkulturerbe Rammelsberg sowie Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk, greift die Veranstaltung „Der Berg ruft – Zukunft fördern“ seit dem Auftakt im Jahr 2014 gesellschaftliche Fragestellungen auf und schafft mit zwei Diskutanten einen spannenden und kurzweiligen Dialog. Diskurs ist nach Auffassung der Gastgeber die treibende Kraft zum gesellschaftlichen Fortschritt.

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Foto 1 (Stadt Goslar): Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (links) diskutiert mit seinem Amtskollegen aus Essen, Thomas Kufen (rechts), und Moderator Andreas Rietschel in der Waschkaue des Goslarer Rammelsberges.

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Foto 2 (Stadt Goslar): Thomas Kufen und Burkhard Jung (von rechts) lauschen dem Vortrag des Goslarer Oberbürgermeisters. Zwischen den drei Städten finden sich immer wieder Parallelen.

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